DIKTATUREN

Im Jubiläumsjahr 2017 veranstaltet das KlangForum Heidelberg ein Festival zum Thema „Diktaturen“. Aktueller denn je, hat die Wirkung totalitärer Strukturen für Individuum und Gesellschaft sieben Komponisten aus verschiedenen Herkunftsländern zu neuen Werken angeregt. In neun Uraufführungen bringt die intensive Verbindung textgebundener vokaler und instrumentaler Kammermusik das Spannungsverhältnis zwischen Einzelschicksal und repressivem System musikalisch zum Ausdruck.

Alle Komponisten bringen biographisch-charakteristische Hintergründe und eigene Sichtweisen ein: Dániel Péter Bíro, in Budapest geborener Kosmopolit, kommentiert die Veränderung in seinem Heimatland, der Italiener Aureliano Cattaneo setzt sich mit dem Faschismus der 1930er Jahre auseinander. Alberto Hortigüela greift als Spanier die bislang letzte europäische Diktatur in seiner Heimat auf.
Xilin Wang, heute einer der renommiertesten Komponisten der VR China, erlebte in wechselnden politischen und kulturrevolutionären Verhältnissen immer wieder Repressionen.
Ein hier ungenannter türkischer Komponist befasst sich in seinem Werk „Censored" mit der aktuellen politischen Problematik seines Landes. Erik Oña, geboren in Argentinien, untersucht die Vertonbarkeit des Verstummens der Verschwundenen, der Desaparecidos. Auch Alvaro Carlevaro aus Urugay erinnert an die Zeit der Diktatur in seiner Heimat. 

Den Konflikt der individuellen moralischen Verpflichtung für den Widerstand und die Entscheidung gegen staatliche Unrechtssysteme thematisiert die deutsche Komponistin Karin Haußmann in ihrem Auftragswerk. Exemplarisch für das Schicksal aller Oppositionellen steht hier der historische Fall der Tübinger Studentin Elisabeth Käsemann:  Ab 1968 in Argentinien sozial engagiert, war sie mit – seit dem Putsch vom März 1977 im Untergrund tätigen – Oppositionsgruppen in Kontakt. Elisabeth Käsemann wurde 1977 entführt, gefoltert und schließlich ermordet. Deutsche Behörden und Diplomaten ignorierten ihren Fall, auch um die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nicht zu stören. 

Aus René Leibowitz' letzter Oper „Todos Caerán“, angesiedelt in einem fiktiven lateinamerikanischen Milieu von Diktatur und Revolte, werden einzelne Szenen in einer von Cornelius Schwehr eigens angefertigten Kammerfassung uraufgeführt. Ludger Engels, Regisseur der halbszenischen Aufführung, wird zudem eine mehrteilige performative Themeninszenierung einbringen. 

Renommierte Politiker, Juristen und Politologen sind am umfangreichen Festivalprogramm aus Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Lesungen beteiligt, das in Kooperation mit PEN („Writers-in-Prison“), dem DAI Heidelberg, dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg sowie der Elisabeth Käsemann Stiftung Stuttgart zustande kommt.

Das Festival steht unter der Schirmherrschaft von Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

Hier finden Sie Detailinformationen zu den Konzerten.