08.09.2010 musikfest berlin 10: Ensemble Modern und Beat Furrer
musikfest berlin 10: Ensemble Modern und Beat FurrerWerke von Strawinsky, Boulez und Furrer
"Vom Umgang mit Texten" handelte das Programm zwischen Strawinsky und Furrer. Eine einsame Elegie-Viola wurde leider etwas blässlich-spröde von Megumi Kasakawa behandelt, leitete aber unmittelbar in das Trauerstück auf Dylon Thomas über. Die Kanons sollen mit ihrer strikten Technik die Zeit bannen, den anrührenden Mittengesang von Jonathan Boyd, eine Anspielung auf Orpheus, bannen.
Dass der Veranstalter so wenig zur Sprachebene von Cummings Gedicht zu sagen hatte, ist hoch bedauerlich. Haben wirklich alle Programmheftleser die Anspielungs-, Symbol- und Zeichenebenen des Gedichts aus dem Englischen entschlüsseln können?
Boulez greift diese Ebenen auf, verwandelt die Zweidimensionalität der Seite, in dem er das Weiße der Seite zu musikalischem Raum werden lässt. Noch immer eines der schönsten Stücke des Komponisten. Man kann spüren, wie sich die "Vögel" ihre eigene "Luft schaffen".
Dies alles wurde wie das gesamte Programm feinnervig und überlegen vom Ensemble Modern und der unglaublich präzisen Schola Heidelberg unter Furrers inspirierter Leitung dargeboten.
Dann eine unendlich langsame, leise, nur ab und zu äußerst schrill schmerzhafte Annäherung zwischen "Sie" und "Er" im Begehren, Beat Furrers Interpretation des Orpheus-Mythos. Texte zahlreicher Autoren beschwören den Text- und Mythenkontext der Fabel. Warum blieben die Lateinischen Texte einmal mehr unübersetzt? Sicher, man versteht sie nur selten, wenn sie im Chor zerlegt werden oder überlagert erklingen. Aber die wundersam jenseitige "Sie" Petra Hoffmann-Petersens bot Ovid (oder war es Vergil? ... aus dem Programmheft nicht zu entnehmen) doch sehr klar dar. Wie gern hätte man gewusst, wovon sie singt, nicht nur "irgendwie intuitiv" sondern genau.
Das eigentlich Faszinierende ist aber auch hier nicht der Text selbst, sondern das Atmen. 90 Minuten Variationen über Atem, ein einmaliges Stück der Musikgeschichte. Denn nur in ihm können sich "Sie" und "Er" erspüren, auch wenn sie sich nie begegnen. Zurück bleibt Einsamkeit.
Clemens Goldberg, kulturradio
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