29.04.2008 Keine Kohle, aber jede Menge Klangkunst

In Witten wird längst keine Kohle mehr gefördert. Geblieben sind aber zwei bedeutende Schmieden: eine für Edelstahl und eine für neue Kammermusik - die "Wittener Tage für neue Kammermusik". Bis heute lassen sich in diesem Bergwerk der Avantgarde klingende Adern und Flöze entdecken. Glück auf! ... Auf Texten psychisch Kranker aus der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung basierten drei von insgesamt fünfzehn WDR- und vier weiteren Kompositionsaufträgen. Für die hervorragenden Vokalsolisten der Schola Heidelberg unter Leitung von Walter Nußbaum kombinierte Johannes Kalitzke ein konvulsivisch atmendes Akkordeon mit einem Männerquartett, das an Tischen manisch kritzelt, Morsesignale klopft und nur mit vorgehaltenen Händen spricht. Zu einem sehnsuchtsvoll in sich versponnenen Brief einer Patientin an ihren Mann, schuf Jay Schwartz eine sehr einfache, wirkungsvolle Analogie. Entsprechend den immer wieder bis zur Unleserlichkeit übereinandergeschriebenen Wörtern "Herzensschatzi komm" lässt er gepfiffene Glissandi über Soprane und Männerstimmen so lange abwärtssinken, bis nur noch Einzeltöne des Bassisten übrig bleiben, von denen aus das Stück zum Anfang zurückläuft und sich am Ende wieder in höchsten Pfeiftönen verliert... (Rainer Nonnenmann, Kölner Stadt-Anzeiger)

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