01.06.2008 Punkte, Linien, Verzweigungen, Räume

...Der Drang zur "Linie", der die dramaturigsche Linie des diesjährigen Witten-Programms dominiert, führt mitunter auch ins Abseitige, wenn beispielsweise die "Linie im Kopf" (Harry Vogt) zu verlaufen scheint. Drei Komponisten - Nigel Osborne, Jay Schwartz, Johannes Kalitzke - stützen sich in ihren Kompositionen auf Texte aus der Prinzhorn-Sammlung, in der künstlerische oder ähnliche kommunikative Äußerungen psychisch Schwerkranker gesammelt sind. Solche Vorlagen in "Kunst" zu üersetzen, erscheint oft heikel, ein spekulatives Element ist nicht von vornherein auszuschließen. Erst wenn man um die psychische Gefährdung weiß, die sich oft tragisch mit einer extremen Kunstanstrengung verbindet, gewinnt die "Übersetzung" ihre Legitimation. Hier ist Johannes Kalitzkes Metamorphose für vier Männerstimmen und Akkordeon mit dem Titel "-inn Stufender Sonderung" das sicher adäquateste Werk, komplex auch in seinen Ausdrucksmitteln zwischen Sprache, Geäruschen (das Schreibgekratze auf den Pulten der Vokalisten) und den sparsam gesetzten Einwürfen des Akkordeons... (Gerhard Rohde, Neue Zeitschrift für Musik)

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