29.08.2008 Gérard Grisey (Neue Zürcher Zeitung)

tsr. So unterschiedlich die beiden hier vorgestellten Kompositionen des 1998 verstorbenen Franzosen Gérard Grisey auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind die beiden einzigen Werke, bei denen der Komponist die Möglichkeiten des elektronischen Studios nicht nur zur Vorordnung des musikalischen Materials, sondern auch zu seiner Erzeugung und Transformation einsetzt. Das 1989 vollendete Stück «Le temps et l'écume» für 4 Schlagzeuger, 2 Synthesizer und Kammerorchester gestaltet die Relativität der Zeit. Das Material erscheint in der «normalen» Wahrnehmungszeit des Menschen, der beschleunigten Zeit der Vögel und der langsamen Zeit der Wale. Die Perkussionisten des deutsch-niederländischen Ensembles S und Mitglieder des WDR-Sinfonieorchesters Köln unter der Leitung von Emilio Pomárico gehen mit den synthetisch hergestellten Klängen eigenwillige Verbindungen ein, bei denen man als CD-Hörer nicht entscheiden kann, welche Teile «von Hand» und welche künstlich hergestellt sind. Diesen Schnittpunkt zwischen Mensch und Maschine spricht Grisey auch in «Les chants de l'amour» für 12 Stimmen und Tonband an. Der Satz «I love you» gibt nicht nur das phonetische Material gewisser Abschnitte her, sondern bildet mit seinen Formanten auch die Basis für die Gesamtform. Hörbar ist jedoch nicht die hochkomplizierte Struktur, sondern es sind die Laute, die erotischen Geräusche, einzelne Wörter wie «Tristan», welche die Schola Heidelberg mit grosser affektiver Bandbreite darbietet. (T. Schacher, NZZ)

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