Netzwerk Madrigal

Projektbeschreibung „Netzwerk – Madrigal“

Die Modernität der Renaissance-Madrigale

Das Projekt „Netzwerk - Madrigal“ wurde konzipiert, um die Madrigalkunst der italienischen Renaissance durch vielfältige Verknüpfung und Anknüpfung in unsere Gegenwart zu transportieren. Es berücksichtigt an insgesamt fünf Konzertabenden ausdrücklich das strukturelle Problem, das sich jeder konzertanten Darbietung von Madrigalen (Madrigalformen) stellt, nämlich der Gefahr der Ermüdung durch Reihung jeweils nur drei bis fünf Minuten kurzer, aber dramatisch hoch konzentrierter Formen. Durch neu zu komponierende Eingangsstücke und vokale/instrumentale Zwischenspiele wird im vorliegenden Konzept um die originalen Madrigale ein Netzwerk aus Beziehungen und Kontrasten gesponnen, das sie auf neue und vielschichtige Weise zur Wirkung bringt, ohne sie zum bloßen Material oder Fundus zu reduzieren. Im günstigsten Fall ergeben sich völlig neuartige Madrigalzyklen in der Form dramaturgisch stimmig durchkomponierter Konzertformen.

Die italienische Renaissance zeigt sich auch musikalisch als eine Zeit der Entdeckungen, wie sich exemplarisch an der Auseinandersetzung mit Tonarten und Fragen der Intervallik erweist (19stufige Oktave, Cembalo universale). Bei Gesualdo, Marenzio, Michelangelo Rossi und Zeitgenossen  gibt es Anknüpfungspunkte zu modernen Kompositionstechniken wie dem Einsatz der Mikrotonalität, aber auch zu den Tonsystemen der alteuropäischen und außereuropäischen Musikkulturen von Bulgarien bis Vietnam.

Als literarische Themen der Madrigale finden wir metaphorisch verkleidete eindeutig sexuelle Inhalte, „Tod“ (piccola morte) als erwünschtes Ziel, Begehren und Verlust, worüber sich in die moderne Welt der beliebigen Verfügbarkeit und materialistisch verfügbaren Steigerung der Lust (Sex sells) ein auch „inhaltlich“ kontrastierender und verbindender Faden spannen lässt.

Die Madrigale von Gesualdo, Marenzio und Rossi sind gekennzeichnet durch enorm gesteigerte harmonische Verläufe, offenbar Ausdruck eines extremen Innenlebens der Komponisten. Die oft sehr schroff und modern wirkenden Harmoniewechsel sind noch heute (und gerade heute wieder) eine Herausforderung für Interpreten und Anregung für Komponisten.

Neukompositionen
Die neu komponierten „Übergänge“ zwischen Madrigalen Gesualdos und seiner Zeitgenossen werden dabei sowohl kontrastierend als auch verbindend wirken. Das „Netzwerk – Madrigal“ wird sich dabei der spezifischen Möglichkeiten eines aus vokalen, instrumentalen und elektronischen „Kräften“ bestehenden Ensembles bedienen, welches in dieser Form erst im heutigen Stadium der Musikgeschichte und Technologie zur Verfügung steht: den beteiligten Komponisten bieten sich dadurch vielfältige Möglichkeiten der Integration und Kommentierung der historischen Madrigale auf verschiedensten musikalischen, dramaturgischen,  aber auch sozialhistorischen und technischen Ebenen, zum Beispiel in der Anknüpfung an die aus Gesualdos Zeit überlieferten Versuche, die mikrotonalen Konsequenzen extrem chromatisierter Intonation durch erweiterte Tonsysteme, z.B. mit Fünfteltonunterteilung (31fache Teilung der Oktave, Archicembalo) zu bewältigen. Bei den insgesamt elf Kompositionsaufträgen, die das KlangForum Heidelberg e.V. vergibt,  werden namhafte Komponisten angeregt, durch „vernetzende“ Vor-, Zwischen- oder Nachspiele verschieden Madrigale einzubinden und ggf. das musikalische Material der Madrigale weitgehend in eigene Kompositionen zu integrieren, aber auch beispielsweise ausschließlich  auf der Ebene der Texte/Inhalte Bezüge herzustellen.

Außereuropäische Beziehungen
Eines der Konzerte soll Phänomene außereuropäischer Musik und verborgene Zusammenhänge reflektieren: so bezieht sich die frühe arabische Musiktheorie mit ihrer Vierteltonteilung auf altgriechische Wurzeln, die in unserer Zeit fortleben.

Gegenwart in der Vergangenheit reflektieren
Die Neukompositionen sollen auch in Bezug auf die literarischen Vorlagen Zusammenhänge erhellen und erkennbar werden lassen, dass musikalischer Ausdruck trotz Weiterentwicklung oder Deformation durch kulturelle Vorgaben aus ursprünglichen Impulsen herrührt. Es geht um die musikalische Gestaltung allgemeingültiger, überpersönlich bedeutsamer psychischer Vorgänge. Damit wird das Projekt Verknüpfungen herstellen, die einer inneren Logik folgend die Gegenwart im Vergangenen reflektieren.

Netzwerk Madrigal  -

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